Entwicklungspolitische Studienfahrt

Auf entwicklungspolitischer Studienfahrt

S-H Partnerschaftsgruppen mit Gästen aus Tansania u. DR Kongo in Berlin + Wittenberg

Die Gruppe im Plenarsaal
im Plenarsaal des Bundestags, Foto U.Dagge

 

Die Idee zu der Studienreise hatte Jutta Briel von der Tansaniagruppe Heikendorf, die sich mehr und mehr der politischen Dimension der Partnerschaften bewusst wurde und ihre Perspektive vom Graswurzellevel auf die politische Ebene erweitern wollte. „Denn es geht in der Partnerschaftsarbeit längst nicht mehr nur darum, Container mit gebrauchten Dingen zu verschiffen“, so Jutta Briel.

Vielmehr geht es um Fragen der Entwicklungspolitik: Welche neuen Ansätze gibt es, wie können große und kleine Akteure zusammenarbeiten, welche Rolle spielen die zivilgesellschaftlichen Partnerschaften in der Entwicklungspolitik und wie können ihre Erfahrungen in die Politik einfließen? – Fragen, mit denen sich auch das Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e.V. (BEI) auseinandersetzt.

Deshalb organisierte die Tansaniagruppe Heikendorf gemeinsam mit dem BEI eine fünftägige entwicklungspolitische Studienfahrt nach Berlin und Wittenberg. Ziel der Reise war es, die politische Seite und andere übergeordnete Akteure der Entwicklungspolitik kennenzulernen, sich auszu-tauschen, Informationen und neue Impulse für die eigene Arbeit zu gewinnen und gleichzeitig auch Lobbyarbeit für die Partnerschaften zu machen.

Gefördert wurde die Reise von BINGO-Umweltlotterie, dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der Nordkirche und dem Kirchenkreis Altholstein.

Nach umfangreicher Planung und Vorbereitung machte sich eine Gruppe von 16 Engagierten aus verschiedenen schleswig-holsteinischen Partnerschaftsgruppen auf den Weg – im Gepäck ein gut gefülltes Programm und viele Fragen. Mit von der Partie waren auch vier Gäste aus Tansania sowie eine Partnerschaftsvertreterin aus DR Kongo. Vier weitere Frauen aus DR Kongo sollten noch mit dabei sein. Ihnen wurde jedoch auch nach intensiven Bemühungen – Gesprächen mit Abgeordneten, Bischöfen und Botschaftsvertreter*innen – die Visa verweigert. Das sorgte nicht nur für große Empörung, sondern machte auch deutlich, wie wichtig der Austauschs zwischen Zivilgesellschaft und Politik ist.

 

In Berlin standen Besuche bei Brot für die Welt, dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), den Bundestagsabgeordneten Gabriele Heinrich (SPD) und Uwe Kekeritz (Bündnis 90/die Grünen), dem Dachverband der entwicklungspolitischen und humani-tären Nichtregierungsorganisationen in Deutschland (VENRO) sowie dem Konkreten Friedensdienst auf dem Programm. In Wittenberg besuchte die Gruppe verschiedene Stationen Luthers und nahm an der Weltausstellung Reformation teil.

 

Berlin

Nach Ankunft in Berlin ging es los mit einem Besuch bei Brot für die Welt. Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen unterstützt weltweit mehr als 1.300 Projekte. Etwa 9 % der Finanzmittel gehen in den Fonds für deutsche Partnerschaftsgruppen, die übrigen Mittel fließen zum größten Teil direkt an Partner im Globalen Süden. So werden z.B. in Tansania aktuell ca. 25 Projekte und Programme direkt unterstützt.

Den Partnerschaften misst Brot für die Welt große Bedeutung bei, weil sie oft das einzige Fenster der Kirchengemeinden in die Ökumene seien und sie daher eine große Verantwortung für die weltweite Kirche hätten, so Frau Seitz.  Sie sollen einen Beitrag zum Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Religion leisten, globale Zusammenhänge bewusst machen und ein Umdenken fördern, Handlungsmöglichkeiten entwickeln und politische Veränderungen durchsetzen. Auf den Globalen Süden bezogen sollen sie v.a. arme und ausgegrenzte Menschen befähigen, aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung ihre Lebenssituation zu verbessern und einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten. Eine große Aufgabe.

Im Gespräch wurde aber auch deutlich, dass Brot für die Welt die Partnerschaftsgruppen eher als Empfänger von Fördermitteln und Beratung wahrnimmt, denn als kompetente Partner mit umfangreichen Kenntnissen über Leben und Alltag ihrer Partner im Globalen Süden. Das macht deutlich, dass ein intensiverer Austausch notwendig ist. Denn Partnerschaftsarbeit ist mehr als nur Projektarbeit.

Debatte bei Brot für die Welt, Foto U.Dagge

Auf die Frage nach der aktuellen Afrikapolitik der Bundesregierung, beurteilt Brot für die Welt Programme wie den Marshallplan mit Afrika oder Pro Afrika kritisch. Trotz mancher innovativer Ideen fehle es vor allem an einer Ab-stimmung mit der EU und den afrikanischen Staaten, um einen positiven Wandel in der Entwick-lungspolitik erreichen zu können.

Neben den vielen Informationen über die von Arbeit Brot für die Welt, war es vor allem auch für die ausländischen Gäste interessant, die verantwortlichen Länderreferent*innen kennenzulernen und persönliche Kontakte herstellen zu können.

 

Noch am selben Abend traf sich die Gruppe mit internationalen Vertreter*innen des Konkreten Friedensdienstes, die für mehrere Wochen für einen Austauschbesuch in Deutschland waren. Besonders interessant war hierbei die  kritische Haltung einer Vertreterin aus Südafrika gegenüber dem „Marshallplan mit Afrika“ des BMZ, der nach ihrer Auffassung hauptsächlich deutsche Interessen verfolgt. Dieses wurde umfangreich diskutiert. Die Gäste aus Tansania und DR Kongo haben es als sehr positiv wahrgenommen, dass wir uns in Deutschland auf zivilgesellschaftlicher Ebene mit solchen Fragestellungen auseinandersetzen.

Als nächstes stand ein Besuch beim BMZ auf dem Programm. Das Ministerium gibt jährlich über 8 Milliarden Euro in 80 Partnerländern weltweit aus. Es arbeitet vor allem mit staatlichen Behörden, aber auch zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Als richtungsweisend gelten für das BMZ die UN-Nachhaltigkeitsziele und mit ihnen die Agenda 2030.

Referent Dr. Phillipp Rock stellte sich kompetent den vielen kritischen Fragen der Gruppe zu Verantwortlichkeiten in der globalen Textilproduktion, der Stellung des BMZ in der EU, den Handelsabkommen mit den afrikanischen Staaten etc. Zur Frage, warum bei den Freihandelsabkommen mit einzelnen Staaten und nicht mit der Afrikanischen Union verhandelt wird, meint Dr. Rock, dass diese keine Verhandlungskompetenz habe, um für alle Mitglieder Verträge auszuhandeln. Auf die Frage, wie die für den Kongo wichtige Förderung von Bodenschätzen nachhaltig und gerecht gestaltet werden kann, sieht das BMZ vor allem die Privatwirtschaft in der Pflicht.

Besuch beim BMZ, Foto U. Dagge

Hinsichtlich einer stärkeren wirtschaftlichen Förderung in Afrika sieht das BMZ durchaus auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Partnerschaftsgruppen, z.B. im Kaffeehandel und der Gründung von Start Ups. Dabei zeigte der Besuch, dass es offenbar mehr Möglichkeiten einer direkten Zusammenarbeit zwischen BMZ und den Partnerschaftsgruppen gibt, als angenommen.

 

Am Nachmittag traf die Gruppe die Bundestagsabgeordneten und Mitglieder des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Uwe Kekeritz (Bündnis 90/die Grünen) und Gabriele Heinrich (SPD). Nachdem es sich als schwierig erwies, über die vorbereiteten Fragen ins Gespräch zu kommen, konnte zumindest die Problematik der Visapolitik thematisiert werden. Daneben erfuhr die Gruppe einiges Wissenswerte über den allgemeinen Politikbetrieb. Ein Besuch mit Vortrag im Plenarsaal des Bundestages  ergänzte die Informationen zur aktuellen Politik.

Die Gäste aus Tansania und DR Kongo waren sichtlich beeindruckt von der Transparenz in der Politik und der Möglichkeit, nachfragen oder sich kritisch äußern zu dürfen – was für uns so selbstverständ-lich ist. Wieder einmal mehr wurden wir uns unserer Mission, unserer Aufgabe und Verantwortung bewusst.

Letzte Station in Berlin war ein Besuch bei VENRO. Der Dachverband mit rund 120 Mitgliedern, v.a. große entwicklungspolitische und humanitären Nichtregierungsorganisationen, vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber der Politik, stärkt die Rolle von Nichtregierungsorganisationen und Zivilgesellschaft in der Entwicklungspolitik, vertritt die Interessen der Länder des Globalen Südens und schärft das öffentliche Bewusstsein für entwicklungspolitische Themen.

Auch VENRO bezieht sich in seiner Arbeit auf die Umsetzung der Agenda 2030: Abbau sozialer Ungleichheit, Stärkung humanitärer Hilfe, Bekämpfung von Flucht und Migration, Stärkung der Zivilgesellschaft, Einsatz für Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit, Inklusion und Antirassismus.

Auch wenn VENRO keinen direkten Kontakt zu Partnerschaftsgruppen hat, schätzt Geschäftsführerin Heike Spielmans deren Rolle im entwicklungspolitischen Kontext als hoch ein. Sie seien stark im direkten Austausch und entwicklungspolitische Ziele könnten auf Ebene der Partnerschaftsgruppen konkret umgesetzt und in die Gesellschaft getragen werden. Sie merkt jedoch auch an, dass Partnerschaften politischer werden sollten „die Zeit der assistenzierten Projekte ist vorbei“, so Heike Spielmans.

Auf die Rückfrage, „wer fragt uns, wer will unsere Erfahrungen und Kompetenz“, wurde erneut deutlich, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Ebenen der entwicklungspolitischen Arbeit verbesserungswürdig ist. Als direkte Ansprechpartner für die Partnerschaftsgruppen nennt sie die entwicklungspolitischen Landesnetzwerke wie das BEI.

VENRO gilt als Experte in Sachen Entwicklungspolitik, was uns bereits von Seiten des BMZ bestätigt wurde. Deshalb wird VENRO gerne bei entwicklungspolitisch relevanten Fragestellungen von Seiten der Politik hinzugezogen, so beispielsweise beim „Compact with Afrika“. Das ermöglicht VENRO im Gegenzug, seine Forderungen einzubringen. Bei VENRO zeigte sich sehr schön, wie wichtig die Arbeit von Dachverbänden ist, was vor allem auch unsere ausländischen Gäste sehr beeindruckte.

Debatte vor dem Lutherhaus, Foto U. Dagge
Podiumsdiskussion Almosen für Afrika, Foto B. Henrich

 

 

 

 

Wittenberg

Nach drei erlebnisreichen Tagen in Berlin fuhr die Gruppe weiter in die Lutherstadt Wittenberg, um sich im Jubiläumsjahr vom Geist der Reformation inspirieren zu lassen. Neben Besuchen im Lutherhaus, Luthergarten u.a., trug die Gruppe mit einer Podiumsdiskussion zum Thema  „Almosen für Afrika – Ablass für Europa“ zur Weltausstellung Reformation bei. Das provokante Thema wurde rege und kontrovers diskutiert. Pastor Macha aus Tansania kann in der Unterstützung aus Deutschland – den Almosen – grundsätzlich nur Gutes sehen. Aber um Ziele verwirklichen zu können, bedarf es der Einbeziehung und der Beteiligung der Afrikanerinnen und Afrikaner. Als ein massives Problem benannte er den Klimawandel, dessen Folgen in Tansania bereits spürbar sind. „Dieses Problem können wir nur gemeinsam lösen“, so Pastor Macha.

Das sehen auch die Anderen so. Dem Klimawandel, wie auch den vielen anderen globalen Herausforderungen können wir nur gemeinsam begegnen. Genau deshalb hatte sich die Gruppe auf den Weg gemacht – um Anregungen zu bekommen, wie sie mit Partnerschaftsarbeit und entwick-lungspolitischem Engagement zur Lösung dieser weltweiten Herausforderungen beitragen können.

Und nach fünf Tagen intensiver Gespräche, voller Informationen und Eindrücke, neuer Erkenntnisse und Ideen, bleibt festzuhalten, dass die Studienreise einen „enormen Wissenszuwachs“ brachte und viele neue Impulse für die Partnerschaftsarbeit und das entwicklungspolitische Engagement gewonnen werden konnten.

Auch wenn die Studienfahrt vielleicht mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat, so haben die vielen Begegnungen und der enge Austausch auf jeden Fall neugierig gemacht und motivieren zu einer weiteren Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Themen. Vielleicht das beste Ergebnis?!

 

„Im nächsten Jahr geht´s nach Brüssel, dann nach Genf und dann nach Washington“ so eine der Teilnehmer*innen.

 

Jutta Briel und Birgitta Henrich, Tansaniagruppe Heikendorf

Katharina Desch, Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e.V. (BEI)